Neues aus dem Augustiner-Eremiten-Kloster zu St. Annen


Am 30. April 2015 war es endlich soweit, der 1. Bauabschnitt unseres Augustiner-Eremiten-Klosters, der Keimzelle der Reformation im Mansfelder Land, konnte den Fördermittelgebern vom Land-Sachsen-Anhalt und vom Kirchenkreis vorgestellt werden. Anwesend waren auch Vertreter unseres Landkreises, der Stadt und Mitglieder des GKR sowie der Architekt. Wir sahen den neugestalteten Rinckart-Saal mit barrierefreiem Zugang, die geschmackvolle Fenstergestaltung in den vier Arkaden und im Durchgang, die kleine Teeküche, noch ohne Funktionseinbauten, und den neugestalteten Hof. Die Toilettenanlage im Gartenbereich ist noch im Rohbau. Es wurden Bilder vom Anfang der Baumaßnahme und vom Baufortschritt gezeigt: die Veränderungen sind schon sehr gewaltig, und man kann sich das alte Gebäude mit den abgebrochenen Anbauten kaum noch vorstellen. Der neugestaltete Rinckart-Saal kann nun für Gottesdienste und Veranstaltungen genutzt werden. Im Hof können im Sommer Veranstaltungen stattfinden, die sich später auch in den anschließenden Garten ausdehnen werden. Über die weitere Finanzierung der 1. Etage und der Mönchszellen wurde gesprochen, finanziell abgesichert ist ein 2. Bauabschnitt mit Fertigstellung der Sanitäranlagen und der Mönchszellen. Bei dem 500 Jahre alten Bauwerk könnten in den Obergeschossen Maßnahmen der Denkmalpflege zu zusätzlichen Kosten führen. Ein 3., abschließender Bauabschnitt mit der Fassadengestaltung soll folgen. Schon jetzt bedanken wir uns herzlich bei allen Geldgebern. Wir hoffen, dass die neugestalteten Räume nicht nur für Touristen interessant sind.
Das Kloster wird für unsere Gemeinden und die Bevölkerung ein ansprechender Ort der Begegnung sein.

Dr. Joachim Rost, St Annen

Kloster aussen

Kloster_innen

Martin Luther und das Kloster von St. Annen in der Eisleber Neustadt

Nachdem Graf Albrecht von Mansfeld 1511die Eisleber Neustadt gründete, wurde der Chorraum der Kirche im Januar 1516 durch Erzbischof Albrecht im Beisein des Grafen Albrecht IV. von Mansfeld, geweiht. Martin Luther war ab 1515 Distriktsvikar der sächsischen Reformkongregation der Augustinereremiten. Er hatte 11 Klöster im mitteldeutschen Raum zu beaufsichtigen, und eben auch unser Kloster. Schon im Juni 1515 reiste er zusammen mit dem Generalvikar Johannes Staupitz in seine Heimatstadt Eisleben, um mit Graf Albrecht von Mansfeld über die Gründung eines neuen Klosters zu verhandeln. Es sollte in der neu gegründeten Stadt der geistlichen und geistigen Versorgung der angesiedelten Berg- und Hüttenleute dienen. Am 22. Mai 1516, dem Fronleichnamstag, wird das Kloster geweiht. Luther und Staupitz nehmen gemeinsam an der Prozession teil. Für die weitere theologische Entwicklung Luthers kommt es hier zu einer wichtigen Episode (nachzulesen in der Weimarer Ausgabe der Tischreden von 1531 in der Sammlung Konrad Cordatus) : "In dieser Prozession ging Luther im Priestergewand, Staupitz trug die Hostie. Luther erschrak in dieser Situation angesichts des Allerheiligsten , der zum Leib Christi gewandelten Hostie. Staupitz soll später zu ihm gesagt haben: Es ist nicht Christus, was dich erschreckt hat, weil Christus nicht erschreckt, sondern er tröstet nur". Soweit aus den Tischreden. 1517 wird Caspar Güttel nach der Doktorpromotion Prior des Klosters. In seinen erhaltenen Fastenpredigten von 1518 zitiert er wörtlich aus Luthers Thesen und aus Staupitz's Sermon gegen die guten Werke. In diesen Predigten verwirft er die guten Werke als nicht heilswirksam. Er verweist im Sinne Luthers auf die immerwährende Buße. 1518 hat Luther das Kloster nachweislich erneut visitiert und weitere Mönche aus anderen Konventen gesandt. Noch vor dem Wormser Reichstag 1520 findet ein Generalkonvent der Reformkongregation der Augustiner-Eremiten im Eisleber Annenkloster statt, Staupitz legt hier unter dem Einfluß der Lehre Luthers sein Amt als Generalvikar nieder. Der Legat des Papstes, Carl von Miltiz, war zugegen. Es trat auf diesem Konvent die Hinwendung der Augustiner zur evangelischen Lehre Luthers offen zu Tage. 1522 beschließt das Kapitel der Reformkongregation in Wittenberg, dass es jedem Mönch freigestellt bleibe, das Kloster zu verlassen. Auch unser Konvent löste sich 1522/23 daraufhin auf, allein Caspar Güttel bleibt zunächst im Kloster wohnen und predigt weiter in St. Annen, bis er schließlich evangelischer Prediger in St. Andreas wird. St. Annen ist die erste Evangelische Kirche im Mansfelder Land. Der Küster übernimmt den Schuldienst. Im Klostergebäude ist die erste evangelische Schule im Mansfelder Land. Dieses Kloster ist als einziges in unserer Region im Bauernkrieg nicht geplündert bzw. zerstört wurden, der Konvent hatte sich ja 1522/23 schon aufgelöst. Diesem Umstand und keinem größeren Brand im Umfeld von Kloster und Kirche ist es zu verdanken, dass der sehr authentische Bauzustand aus der Lutherzeit erhalten blieb.

Dr. Joachim Rost, St. Annen


Neue Baubefunde aus der Zeit Luthers im St. Annen-Kloster in Eisleben

Pressekonferenz vom Landesamt für Denkmalpflege (19 Juli 2013)

Im Zusammenhang mit dem Umbau und der Sanierung des ehemaligen Augustiner-Eremitenklosters an der Pfarrkirche St. Annen in Eisleben führte das Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie Sachsen- Anhalt seit 2007 baugeschichtliche Untersuchungen sowie, vertreten durch den Anhaltischen Förderverein für Naturkunde und Geschichte, Anfang 2013 archäologische Ausgrabungen im ehemaligen Klostergebäude durch. Diese erbrachten überraschende Erkenntnisse zur vor- und frühreformatorischen Baugeschichte der Klosters, das mehrfach von Martin Luther als zuständigem Distriktsvikar besucht und bereits 1523 zur ersten evangelischen Kirche im Mansfelder Land umgewandelt worden war.
Nachdem die Pfarrkirche St. Annen am 16. Juli 1515 an den Orden der Augustinereremiten übergeben worden war, muss bald darauf mit dem Bau des Klostergebäudes begonnen worden sein: 2007 ergaben bauhistorische Untersuchungen im Dachstuhl des Gebäudes, dass dieser vollständig in einer einheitlichen Baumaßnahme in der ersten Jahreshälfte 1516 errichtet wurde. Nicht zuletzt lieferten diese Untersuchungen den Beweis dafür, dass die Mönchszellen im Dachgeschoss des Gebäudes aus der Zeit Luthers stammen und damit die einzigen bisher bekannten originalen Mönchszellen aus der Lutherzeit darstellen.
Im Zuge der archäologischen Untersuchungen, die im Februar 2013 im ehemaligen Klostergebäude durchgeführt wurden, kamen unter dem Fußboden des heutigen Gemeindesaales bedeutende bauliche Reste aus der Gründungszeit des Klosters zutage.

Rundbogen_Ausgegraben im ehemaligen Kloster

Sie bezeugen, dass während des Baus des Klostergebäudes zwischen Juli 1515 und Frühjahr 1516 eine bemerkenswerte Planänderung stattfand.
Bei Baubeginn, wohl bereits ab Juli 1515, wurde an die bereits vorhandene Südwand eines geplanten Querhauses der Kirche ein Klausurflügel angefügt. Während dessen West-, Ost- und Südwand mit den heutigen Wänden identisch sind, zeigen die Überreste von insgesamt 10 Wandsäulen (Basen und Teile der aufgehenden Säulenschäfte), dass hier zunächst mit dem Bau eines großen, einheitlich überwölbten Raumes begonnen wurde. Nach Westen hin entstanden vier große Arkadenbögen. Nichts weist darauf hin, dass ein Kreuzgang geplant war. Die Größe des Raums, das geplante Netzgewölbe sowie die vier großen Arkadenbögen zum Hof hin belegen, dass hier ein äußerst repräsentativer I/Konventbau" entstehen sollte.
Nachdem bereits eine Bauhöhe von ca. I,) m erreicht worden war, wurden die begonnenen Planungen aufgegeben. Das Areal wurde verfüllt und das Fußbodenniveau bis auf die genannte Höhe angehoben. Die bereits vorhandenen Säulenschäfte wurden teilweise abgeschlagen bzw. verkürzt oder schlossen bündig mit der Fundamentobergrenze ab. Der große, einheitlich überwölbte Raum wurde aufgegeben. Unter Weiternutzung der Außenmauem und Verwendung der vier hofseitigen Arkadenbögen wurde ein innenliegender Kreuzgang eingebaut, dessen gemauertes, mit - um Steine zu sparen - insgesamt drei Entlastungsbögen versehenes Fundament durch die Grabungen nachgewiesen werden konnte. Hierauf ruhte eine Fachwerkwand, die Öffnung zum Hof hin bildeten die vier Arkadenbögen. Insgesamt erfolgte der Weiterbau des Gebäudes in schlichterer Form ohne Wölbungen im Erd- und Obergeschoss. Im Obergeschoss, dessen Grundriss den im Erdgeschoss vorgegebenen Raumstrukturen folgt, finden sich vier ebenfalls aus der Bauzeit stammende Räume, von denen zwei anspruchsvoll ausgestattet und als hölzerne Bohlenstuben mit reicher Verzierung der Deckenhälzer hervorgehoben sind.
Bereits zu Beginn des Jahres 1523 scheinen die meisten Mönche das Kloster verlassen zu haben. So ist belegt, das Caspar Güttel, der Prior des Klosters und guter Freund Luthers, mit seinen Predigten in der Hauptkirche die Reformation in Eisleben einläutete. Im Klostergebäude wurde ein Diakonat eingerichtet, wobei sich im Obergeschoss die Wohnung des Lehrers oder Küsters, und darunter im Erdgeschoss die Schulräume befanden.
Über den Zeitraum, in den die bedeutende, erst durch die archäologischen Ausgrabungen bekannt gewordene Planänderung im Erdgeschoss des Gebäudes zu setzen sind, geben neben dem Gründungsdatum des Klosters die Untersuchungen am Dachwerk des Gebäudes Aufschluss, dessen Hölzer im Winter 1515/16 gefällt und im Frühjahr 1516 verbaut wurden. Sie muss demnach im Zuge der Errichtung des Gebäudes, das im Frühjahr/Frühsommer 1516 fertig gestellt wurde, eingetreten sein. Zusammenfassend ist das Gebäude gegenüber den ursprünglichen Planungen deutlich bescheidener ausgeführt worden. Die Ursache für diese Planänderung ist nicht eindeutig zu bestimmen. Möglicherweise lagen architektonisch gewandelte Ansprüche vor, die nunmehr eine Balkendecke vorsahen. Eine solche konnte vielleicht auch schneller und mit weniger zeitlichem und finanziellem Aufwand hergestellt werden. Möglicherweise waren auch durch die Lage am Hang verursachte Grundwasserprobleme ausschlaggebend, die zum Ausweichen auf ein höheres Fußbodenniveau geführt haben könnten. Eine weitere, eher inhaltlichtheologisch begründete Erklärungsmöglichkeit liegt in der Beobachtung, dass sich der Konvent in Eisleben ein Jahr vor Luthers Reformation offensichtlich bemühte, seinen Klosterneubau in bescheideneren Ausmaßen zu errichten, ohne ahnen zu können, dass wenige Jahre später mit der Auflösung des Klosters und der Einrichtung der ersten evangelischen Schule im Mansfelder Land 1523 auch die schlichter ausgebauten Räume ihre Funktion verlieren würden. Durch die archäologischen und baugeschichtlichen Untersuchungen der letzten Jahre wird gerade diese ordensspezifisch und zugleich baugeschichtlich äußerst interessante Umbruchzeit ab 1516 eindrücklich veranschaulicht und verständlich. Das Klausurgebäude der Augustiner-Eremiten wird so gewissermaßen zum Bindeglied zwischen dem katholischen Renaissancekloster und den unmittelbar anschließenden frühreformatorischen Umbauten. Es stellt ein einmaliges bauliches Zeugnis dieser Epoche dar, in dem sich zudem der spätere Reformator Martin Luther mehrfach aufhielt.
Die archäologischen und bauhistorischen Untersuchungen im ehemaligen Augustiner-Eremitenkloster St. Annen in Eisleben erfolgten in enger Kooperation mit der ev. Kirchengemeinde St. Annen sowie dem Sanierung und Umbau ausführenden Architekturbüro Kowalski & Irmisch aus Halle. Mit Unterstützung des Bundes, des Landes Sachsen-Anhalt und der Evangelischen Kirche soll das Klostergebäude in den nächsten Jahren zum Gemeindezentrum der Pfarrkirche St. Annen ausgebaut werden. Zusammen mit Kirche und Pfarrhaus soll damit ein weiteres lebendiges Zentrum evangelischen Wirkens in Eisleben entstehen, das basierend auf seiner langen historischen Tradition und den herausragenden originalen Befunden aus der Zeit Martin Luthers vom andauernden Wirken des Reformators bis in die heutige Zeit künden kann.